Über Ordnungssysteme und das Chaos in der alleralleruntersten Schublade

Je älter ich werde, desto mehr Ordnungssysteme benötige ich. Wenn ich einen Raum betrete, in dem alles ungeordnet in der Gegend herumsteht, fühle ich mich unwohl. Vor allem, wenn es einer meiner Räume ist – zu Gast bei anderen kann mich ein solches Chaos durchaus begeistern. Es gibt dann so viel zu gucken und man findet immer etwas, über das man sprechen kann. Über nützliche Gebrauchsgegenstände, hübsche Dekoartikel, über Erinnerungen.

 

Mit dem Alter wächst der Wunsch nach einer eigenen Ordnung

Zu Hause aber wünsche ich Ordnung, alles soll seinen Platz haben, den natürlich ich bestimme. Ich ertrage es nicht, wenn mein Blick ständig von irgendwelchen herumliegenden Dingen abgelenkt wird. Deshalb kommt in jedem Jahr ein Schrank, ein Regal, eine Kommode oder auch nur eine Kunststoffkiste hinzu, die man unter dem Bett verstecken kann. Sogar in den Schränken und Schubladen muss mittlerweile Ordnung herrschen. Manchmal ertappe ich mich deshalb tatsächlich dabei, dass ich vor einer Schublade sitze und ihren Inhalt neu sortiere.

Teilen, bewahren oder wegwerfen? Wer sagt, dass Ordnung immer starr sein muss?

Unterwegs in den sozialen Netzwerken fällt mir natürlich auf, dass ich nicht die einzige bin, die vieles aufbewahrt und mehr oder weniger sorgfältig einsortiert. Schon spannend, was man so alles hervorkramen und teilen kann. Oder noch einmal herzeigt, bevor es in einer Schublade verschwindet. Eine, die man vielleicht niemals wieder öffnen wird. Aber man weiß doch, dass es sie und ihren Inhalt gibt.

Dann gibt es diese Momente, in denen ich alles herausreißen und verschenken, weggeben, das Unbrauchbare schließlich auf den Müll werfen möchte. Frei werden von allem Ballast, sich lösen, trennen, unbeschwert noch einmal von vorn anfangen. Ab und zu öffne ich daher meine Schubladen, nur um nachzuschauen, was sich darin befindet. Und wovon ich mich endlich trennen kann.

 

Alles, was nervt: ab nach unten!

An den Inhalten deiner Schubladen erkennst du dich selbst. Am deutlichsten wird mir dies immer, wenn ich mir anschaue, was sich aktuell gerade in den untersten Schubladen befindet. Also in denen, in die man Dinge räumt, die man eher nicht benötigt. Alte Zeugnisse waren das früher, Bescheinigungen, Mitteilungen über Identifikationsnummern, die einem von irgendwem zugeteilt wurden. Dazwischen vielleicht ein Liebesbrief von einem Verflossenen, ein Brief, in den man gehässige Kommentare gekritzelt hat. Den man eigentlich zerreißen und verbrennen wollte, nur um ihn dann doch aufzubewahren. Aber nicht in den oberen Schubladen, bitteschön, nein, Strafe muss sein, also ab nach unten!

 

Einmal gründlich durchwischen bitte – wie Kinder dein Ordnungssystem verändern

Wenn man Kinder hat, ändert sich das Leben von Grund auf und mit ihm das eigene Ordnungssystem. Die unterste Schublade ist der Freund des Kindes – aber der Feind der Eltern. Alles, was den Nachwuchs irgendwie gefährden könnte, fliegt raus. Alles, worin es nach Herzenslust kramen, womit es spielen und woran es seinen Forscherdrang betätigen kann, wandert hinein. Die Dinge, die die Kinder vorfinden, müssen sauber sein und sicher, freundlich und splitterfrei. Außerdem gibt es jetzt mindestens eine Schublade, die abgeschlossen ist. Damit die Kinder nicht irgendwann entdecken, was sich in den untersten Schubladen früher so ansammeln konnte.

 

Wer Sorgen hat, wird rasch sorglos

Haben die Kinder dann erst begriffen, dass man nicht in fremden Schubladen wildert, und verbergen ihre eigenen Schätze und Geheimnisse in Kommoden und Schränken, gerät die Ordnung der Erwachsenen erneut durcheinander. Vieles bleibt jetzt einfach liegen. Man hat keine Zeit mehr dafür, alles immer und sofort einzusortieren. Man schaut nur beiläufig hin, denkt, ach, ich müsste mal wieder, aber dann wartet da schon die nächste Aufgabe und die Steuererklärung muss ja schließlich auch mal fertig werden.

Vor allem die unterste Schublade bekommt diese Sorglosigkeit zu spüren, denn sie verkommt zum Auffangbehälter für alles, was irgendwie weg kann, aber noch nicht schmuddelig genug ist. Oder was man vielleicht doch noch irgendwie, irgendwann gebrauchen kann. Schaut man sich die untersten Schubladen älterer Menschen an, meint man zuweilen, wir lebten noch stets in der Nachkriegszeit.

Doch alles wird irgendwann Routine. Das ist ein bisschen traurig, weil damit auch die Spannung aus dem Leben und nicht nur aus der Haut verschwindet. Es ist aber auch hilfreich, weil man gelassener wird und mehr Zeit gewinnt, um mal wieder etwas wegzuräumen, was sich im Laufe der Jahre nutzlos angesammelt hat.

 

Der Ordnungssinn braucht den Mut zum Chaos

Gibt es einen Menschen auf dieser Welt, der wirklich Schubladen öffnen und Dinge einsortieren kann, ohne an alten Erinnerungen hängen zu bleiben? Oder geht es allen so wie mir – man findet Briefe, die jetzt! noch einmal gelesen, Fotos, die betrachtet werden wollen. Und all diese Dinge, von denen man einfach nicht weiß, wo man sie einsortieren soll. Die Kinderzeichnungen mit den genialen Wortschöpfungen. „Ich hap dich lib, Mammi“. Am Ende steht die Schublade immer noch offen und statt Ordnung hat man ein riesiges Chaos geschaffen.

Manchmal lohnt es sich aber auch, das Chaos zu wagen. Man findet etwas wieder, was man völlig vergessen hat und was den Blick aufs eigene Leben vollkommen verändert. So erging es mir neulich, als ich plötzlich dieses Foto aus Kindertagen in den Händen hielt. Ich sah ein kleines Mädchen, das sich glücklich fühlte. Es lächelte und seine Augen blickten in eine freundliche und warme Welt. Es war ein sehr hübsches Mädchen obendrein. Wenn ich an den Moment denke, in dem ich dieses Foto erblickte, steigen mir jetzt noch Tränen des Glücks in die Augen. Ich hatte mich zuvor nicht daran erinnern können, als Kind jemals glücklich gewesen zu sein. Aber es muss diese Momente gegeben haben. Das Foto beweist es.

Leider führt das Suchen in alten Schubladen nicht immer zu solchen Ergebnissen. Oft findet man Dinge, an die man sich gar nicht erinnern will. Man schämt sich dafür, aber man weiß: Auch das gehört zu dir. Und es ist gut so. Oder zumindest wahr.

 

Ordnung schafft Verbundenheit

Schubladen aufräumen, das ist ja fast ein wenig so, als würde man Gott spielen. Der hat schließlich angefangen mit der Sortiererei, als er das Tohuwabohu ordnete, Tag und Nacht unterschied, Himmel und Erde, Festes und Flüssiges, Mensch und Tier. Er muss wohl ein besonderes Händchen dafür gehabt haben, denn bei ihm war die Lade irgendwann geschlossen und er konnte schauen und für gut befinden, was er durch Unterscheidung geschaffen hatte.

Hat er danach jemals wieder aufgeräumt? Ich meine nicht. Er hat diese Aufgabe an uns Menschen delegiert. So gesehen hat das Ordnen und Aufräumen bis hin zur alleruntersten Schublade etwas durch und durch Spirituelles. Man sollte nur keine Religion daraus machen. Es verbindet uns alle, gleich welcher Herkunft oder welchen Glaubens.

Vielleicht hilft es, sich in aller Demut zu verdeutlichen, dass das eigene Ordnungssystem ohnehin deutlich profaner ist als das göttliche. Ich erschaffe nicht, ich sortiere, was mir gegeben wurde oder was ich mir genommen habe. Ich nehme es heraus, wenn ich es brauche und denke nicht weiter darüber nach, wenn ich es nicht brauche.

 

Die Festplatte als digitale Schublade

Das aktuell am meisten genutzte Ordnungssystem befindet sich auf meinem Schreibtisch. Es besteht aus zwei externen Festplatten, der modernsten Form des Schubladensystems. Auf der einen sind Tausende von Fotografien und Dokumente gespeichert, die ich dann später mal sortieren muss. Auf der anderen alles, was gegen Verlust oder Hacker geschützt werden soll.

Diese digitalen Schubladen sind am schwersten aufzuräumen. Das fiel mir neulich auf, als ich anfing, sie auszumisten. Ich warf Tausende von Fotos in den Papierkorb und es wurden doch nicht weniger. Ich fand sehr wenig in diesen Schubladen, was ich bewahren, schätzen, lobpreisen oder gar in öffentlichen Netzwerken teilen würde. Und sehr viel, was ich einmal angefangen, dann aber hastig beiseite geräumt hatte, weil man es ja auch später noch fertigstellen konnte. So viele Ideen und Entwürfe, so viele Halbsätze und angefangene Schreibstücksel, so viele Fotos, die man nur macht, weil man eben eine Kamera hat. Digitale Ordnungssysteme verführen wohl dazu, alles nur vom Möglichen und Machbaren her zu denken statt vom Erforderlichen und Wünschenswerten.

 

Nicht, wie du Ordnung hältst, ist wichtig. Sondern warum du es tust.

Wenn ich mir etwas wünschen könnte, dann wäre es dies: Dass alle Menschen meinen Sinn für Ordnung und meine Art, die Welt zu sortieren, teilen. Nicht nur in den Netzwerken, sondern in Hirn und Herz. Leider verweigern sich schon Mann und Kind diesem frommen Wunsch und starren mich oft nur verständnislos an, wenn ich über ihre Art, Ordnung zu halten oder sie zu meiden, schimpfe.

Vielleicht hat es damit zu tun, dass mein alterndes Ordnungssystem immer ausgefeilter wird. Wer außer mir soll die Systematik darin noch verstehen? Wer kann unterscheiden, was persönliche Erfahrung, wissenschaftliche Erkenntnis, göttliche Fügung oder zufällig irgendwo reingerutscht ist?

Schaue ich mir an, was andere so in ihren Schubladen finden, geht es mir ja ähnlich. Ich freue mich über jedes lächelnde Foto oder erweise mich traurigen Erinnerungen gegenüber als mitfühlend. Und ich bin glücklich über Menschen, die Ordnung halten, damit sie ihre Blickrichtung ändern, ihr eigenes System immer mal wieder korrigieren und erweitern können. Bei einigen aber hat man das Gefühl, dass der Wille, Ordnung zu schaffen, zum reinen Selbstzweck verkommen ist und sie über das Wühlen in der untersten Schublade nie hinausgekommen sind.

Manchmal verspüre ich dann den Wunsch, noch tiefer zu kramen, etwas aus der alleralleruntersten Schublade zu holen, um diese Menschen mit ihrem erstarrten Chaos, das sie Ordnung nennen, bis ins Mark zu erschüttern. „Seht nur, was ich gefunden habe“, möchte ich dann rufen und ihnen das Gefundene um die Ohren hauen. „Ich bin nämlich noch viel ordentlicher als ihr und weiß, was wohin gehört!“

Aber sofern mein altersmilder Verstand in solchen Momenten nicht ganz aussetzt, lasse ich das. Ich gehe dann lieber mal wieder die eigene unterste Schublade ausmisten. Oder ich lösche Tausende von Fotos, die niemand je gebraucht hat. Um Platz für Neues zu schaffen. Und weil ich mich viel, viel lieber daran erfreue, mein eigenes Ordnungssystem zu verfeinern und mit allen Macken und Fehlern für gut zu befinden, statt anderen zu erklären, warum die allerallerunterste Schublade mehr über das eigene bittere Chaos aussagt als über eine dem Leben zugewandte Ordnung.

2 Gedanken zu “Über Ordnungssysteme und das Chaos in der alleralleruntersten Schublade

  1. Und wie sieht es aus, wenn schon alle Schubladen und alle nur erdenklich guten Orte für Müll komplett belegt sind? Wohin damit?

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