„Seien Sie doch froh, dass nichts passiert ist!“

Polizeilich verordnetes Reframing *

Es klingelt. Nicht einmal, nicht zweimal, gleich dreimal. Lang und laut und mit nur ganz kurzer Unterbrechung. Und noch ein viertes Mal. Die Person, die gestern Abend vor unserer Haustür stand, musste es offensichtlich eilig haben. Rasch lief ich die Treppe hinunter. Vor mir stand eine Polizistin, die nach einem Herrn fragte, dessen Nachname an den meines Mannes erinnerte. Ob der hier wohne? Ja, tue er. Was denn los sei? Sein Auto sei angefahren worden.

Also schnell den Mann gerufen, in die Jacke geschlüpft, Schuhe an, kurz besänftigend auf das Kind eingeredet und los. Neben unserem Auto, das in einer Parkbucht am Straßenrand abgestellt war, standen eine weitere Polizistin und ein sichtlich unglücklicher Mann, der beim Rangieren Rücklicht und Stoßstange unseres Wagens touchiert hatte. Der Kerl tat mir auf Anhieb leid und ich wäre nie auf die Idee gekommen, ihm etwas Böses zu sagen. Mein Mann erblasste etwas, als er den Schaden betrachtete, und natürlich war er nicht begeistert. Kaum aber hatte er es gewagt, etwas wie „Oh nein, wie konnte das denn passieren“, zu äußern, wurde er von Polizistin2 ermahnt.

 „Seien Sie doch froh, dass niemand verletzt wurde!“

Er: „Niemand verletzt? Das Auto steht leer auf einem Parkplatz. Wie sollte da jemand verletzt werden?“

Sie: „Dann seien Sie doch froh, dass der Mann nicht einfach weitergefahren ist!“

Es folgte eine kurze Personalienabfrage.

„Ihr Name?“

 

 „Geburtsort?“

„Riga.“

„Wo?“

„Riga!“

„Geburtsdatum?“

Dann riss sie ein Stück Papier von ihrem Block ab, drückte es uns in die Hand. Das Blatt war etwa so groß wie einer dieser Laufzettel, die es in dem bekannten schwedischen Möbelhaus gibt. Auf denen man notiert, was man dann doch nicht findet.

„Bitte füllen Sie das aus. Und dann brauche ich gleich einmal Ihren Fahrzeugbrief.“

Irgendwie beschlich uns aufgrund ihrer barschen Ansagen das Gefühl, im falschen Film zu sein. War es mittlerweile verboten, sein Auto auf einem öffentlichen Parkplatz abzustellen? Hatten wir irgendetwas verbrochen? Hatte unser Auto den Unfall vielleicht durch untätiges In-der-Gegend-Herumstehen verursacht?

„Hätten Sie denn auch einen Stift für uns?“, fragte ich Polizistin2, die selbst gerade ihren Bericht notierte. „Nein, ich habe keinen mehr.“ Sonst nichts. Auf meinen zaghaften Einwand, dass wir das Zettelchen dann wohl nicht ausfüllen könnten, da ich zufällig keine Schreibutensilien mit mir führte, reagierte sie nicht. Es dauerte einen Moment, bis ihre Kollegin eingriff. Uns schließlich vom Unfallverursacher einen Stift lieh. Eine Schreibunterlage? Haha, guter Witz!

Wer schon einmal mit einem Kugelschreiber abends im Dunkeln auf der Straße einen Minizettel ausfüllen musste, auf dem nach Namen, Anschrift, Fahrzeug- und Versicherungsdaten gefragt wird, der weiß, wie ich zu kämpfen hatte. Sah aus, als hätte ein Kind, das eben schreiben lernte, den Zettel ausgefüllt. Aber immerhin, er blieb unbeschädigt.

Irgendwann schien Polizistin1 zu bemerken, dass was falsch lief. Dass wir vielleicht auch Grund zur Traurigkeit hatten, nicht nur der arme Mann, der in unser Auto hineingefahren war. Und erließ es mir dann, die Versicherungsdaten einzutragen. Während ich noch damit beschäftigt war, das Zettelchen auszufüllen, hörte ich, wie sie mit dem armen Autofahrer sprach, der ein wenig vom Weg abgekommen war. Er könne jetzt weiterfahren. Er solle sich keine Sorgen machen. „Sie haben alles richtig gemacht!“, beschloss sie ihre fürsorgliche Ansprache voller Empathie. Langsam begann ich, an meinem Verstand zu zweifeln.  Hatten wir nicht auch ein wenig Mitgefühl verdient?

Auf meine Frage, was w i r denn nun tun sollten, erhielt ich die Antwort, wir bräuchten nichts zu tun. Die Versicherung würde an uns herantreten. Natürlich. Dafür würden wir zwar über die Feiertage kein Auto haben. Aber Hauptsache, der andere Fahrer hatte alles richtig gemacht. Zum Schluss erinnerte sie uns noch einmal daran, wie froh wir sein konnten, dass nichts passiert, niemand verletzt, der Mann nicht einfach weitergefahren sei.

Der wollte gerade in sein Auto steigen.

„Tschüss“, sagte ich und, „ich wünsche Ihnen einen besseren Abend.“

Polizistin1 sah mich überrascht an. Zum ersten Mal zeigte sich so etwas wie ein Lächeln in ihren Augen. Ich hätte ihr gern noch den guten alten Woody-Allen-Satz aus dem Film „Der Stadtneurotiker“ mit auf den Weg gegeben: „Du musst ein bisschen Vertrauen in die Menschen haben.“ Dann brauchst du ihnen auch kein Reframing zu verordnen. Und keinen falschen Trost spenden.

lektoratinbremen.de

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*Eine Erklärung für alle, die sich gerade fragen, was denn überhaupt Reframing ist, gibt es beispielsweise von der Uni Köln.

3 Gedanken zu “„Seien Sie doch froh, dass nichts passiert ist!“

  1. Ja, das ist super. Mir hat mal ein Bekannter die Zweit-OP – Einblutungen im Bauraum nach Blinddarmentfernung – meines Kindes reframet (schreibt man das so?). “Sei doch froh. Sie könnte ja auch Krebs haben!”

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