Schnaps, Kohlrabiblätter und das absurde Rechtsempfinden im Supermarkt

Eben im Supermarkt: Ich stehe an der Kasse, vor mir eine 18-Jährige und ihr 17-jähriger Freund. Woher ich das weiß? Die beiden kaufen zwei Flaschen Korn. Die junge Frau erzählt der Kassiererin freimütig, dass sie die Flaschen für ihren Freund kaufe, weil der ja erst siebzehn sei. Die Kassiererin erklärt ihr, dass sie das eigentlich gar nicht wissen dürfe. Ein anderer Kunde gibt zu bedenken: „Aber wir haben das jetzt alle gehört.“ Das macht aber nichts, schließlich kennt die Kassiererin die Eltern der beiden. Und die sind doch gewiss dabei. Ich schaue mich um, weit und breit keine Eltern zu sehen. Oder meint sie: beim Flaschenleeren? Dann erklärt sie der jungen Dame noch einmal, dass sie ihr bitte beim nächsten Mal nicht sagen solle, dass sie die Flaschen für ihren minderjährigen Freund kaufe, da sie ihr sonst keinen Alkohol verkaufen dürfe. Hat sie verstanden. Abkassiert und gut.

Nun bin ich an der Reihe. Ich habe in einer von diesen durchsichtigen Tüten aus der Obst- und Gemüseabteilung ein paar Kohlrabiblätter für unsere Kaninchen. Schon seit mindestens einem Jahr bin ich vermutlich allen Kassiererinnen in unserem Stadtteil als Kohlrabiblättersammlerin bekannt. Manche Verkäuferinnen lassen die Blätter, die andere nicht wollen, schon für mich liegen. Diese kennt mich wohl noch nicht. „Ist das von uns“, fragt sie, als ich die Tüte hochhalte. „Ja, da sind nur Kohlrabiblätter drin.“ Das reicht ihr aber nicht, sie ertastet, ob ich nicht vielleicht in der transparenten Tüte ein paar Kohlrabi oder irgendeine andere Kostbarkeit versteckt haben könnte. Ist mir auch noch nicht passiert, aber gut. Ihre Kollegin hat mich immerhin schon mal gefragt, ob ich die Blätter auch nicht abreiße. Nein, ich nehme nur die, die andere schon abgerissen haben. „Man weiß ja nie, man erlebt ja viel“, hatte die Kollegin gesagt. Und dann die Brille ein wenig angehoben, meine EC-Karte mit der unlesbaren Unterschrift studiert und mir genau erklärt, wo ich zu unterschreiben habe.

Diese Kassiererin erklärt mir nichts. Sie blickt auf meine EC-Karte, kann den Namen nicht erkennen und fragt mich nach meinem Ausweis. Es ist immer noch dieselbe Dame, die eben zwei Jugendlichen Schnaps verkauft hat, obwohl sie wusste, dass sie damit gegen das Gesetz verstößt. „Das ist jetzt nicht Ihr Ernst“, sage ich. „Ich habe die Richtlinien nicht gemacht“, entgegnet sie. „Na, die haben Sie eben aber etwas milder interpretiert!“ Ich zeige ihr meinen Ausweis, sie studiert ihn. Wir wünschen uns einen guten Tag und wissen beide, dass wir etwas anderes meinen.

Einkaufen kann mich manchmal schon grantig machen. Vor allem, weil ich vergessen habe, vor ihren Augen den Bon zu studieren. Könnte ja sein, sie hat etwas falsch abkassiert. Man weiß ja nie, man erlebt ja viel.

2 Gedanken zu “Schnaps, Kohlrabiblätter und das absurde Rechtsempfinden im Supermarkt

  1. Traurig, aber leider wahr … oder gibt’s Prämien pro verkaufte Schnapsflasche und pro geschnappte Kohlrabiblätter -einfach-so-Mitnehmerin? Am schlimmsten find ich ja dieses “beim nächsten Mal nicht sagen, dass …” Ich kann in solchen Fällen auch sehr freundlich einen “Guten Tag” wünschen.
    Ich habe übrigens heute auf das durchsichtige Plastiksackerl verzichtet und zwei Zucchini in ein halbdurchsichtiges Wäschenetz (von daheim mitgebracht) gepackt. Das ging ganz problemlos :) , mach ich jetzt öfter.

    • Ich wusste, das Plastiktütchen bekomme ich hier auch nicht einfach so durch ;) .
      Aber recht hast du! Und ja, dieses deutliche Daraufhinweisen (“NICHTSAGEN!) fand ich auch befremdend.

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