Manchmal

Was würde geschehen, wenn ich all diese Hiobsbotschaften, die im Minutentakt über den Bildschirm flattern, tatsächlich an mich heranließe? Manchmal frage ich mich das. Wenn ich wirklich begreifen könnte, dass das Mittelmeer voller Leichen ist. Wenn ich all diesen Gequälten, Gefolterten, Zerschundenen Zutritt zu meinem Herzen verschaffen würde. Wenn ich mir klarmachte, dass unsere Erde, und ich spreche nicht von einem Planeten, sondern von dem, was ich anfassen, was ich berühren kann, dass unser Wasser, unsere Luft, unser Obst und Gemüse vergiftet ist? Dass alles, was einmal im Überfluss vorhanden und Gemeingut war, nun Privatbesitz oder Firmenbesitz ist? Dass Wohnen, Nahrung, Kleidung für viele unbezahlbar sind. Dass eine Rotte von Finanzbrokern, die nichts interessiert als Gewinnmaximierung, auf Computertasten drückt, um noch mehr Menschen ins Unglück zu stürzen?

Als Kind träumte ich oft von Erdbeben und riesigen Flutwellen, die uns alle töten würden. Ich wollte warnen, aber niemand glaubte mir. Ich sah in meinen Träumen Menschen in Kellern hausen, auf Matratzen dahinvegetieren. Man streichelte mir über den Kopf. Du hast zu viel Fantasie. Sorge dich nicht. Lebe. Heute denke ich manchmal daran. Nein, keine Angst, ich halte mich nicht für eine Prophetin. Vielleicht war ich als Kind einfach sensibler. Ungeschützter.

Aber ich brauche keine Erklärbären. Ich brauche meinen Schutz. Ich will ein Recht auf Nichtwissen in einer Welt, in der und für die ich keine Verantwortung übernehmen kann. Also die Hände in den Schoß legen, „fürchterlich, fürchterlich“ murmeln und weiteratmen? „Weißt du, dass ein Mensch ungefähr 14-mal am Tag pupst?“, fragt mich meine Tochter. Ich muss lachen. Sie hat das in einer Zeitung gelesen. „Das ist schlecht für die Umwelt“, fährt sie fort. Das hat sie dort nicht gelesen. Das hat sie sich zusammengereimt. Wegen der Rinderzucht und so. Mir bleibt das Lachen im Halse stecken.

Unsere Kinder lernen, dass die Sonne ihr Feind ist. Dass ihr Essen giftig ist. Dass der Verpackungsmüll im Meer landet und Wale elendig daran verenden. Dass unsere Art zu leben, die Erde vergiftet und zur Klimakatastrophe führt. Sie lernen, dass Wasser und Reinheit knappe Güter sind. So knapp wie ein Leben in Würde, in Freiheit, so knapp wie Freundschaft und Liebe. Unsere Kinder lernen, dass es ein Recht auf Privatbesitz gibt. Dass nicht genug für alle da ist.  Dass sie selbst schuld sind, wenn sie es nicht schaffen, eines der knappen Güter für sich zu erringen. Dass sie schuld sind, wenn es der Erde, dem Wasser, den Tieren, den Menschen hier und in anderen Ländern schlecht geht.

Ja, genauso ein Durcheinander herrscht manchmal in meinem Kopf und meinem Herzen. Und ich bin sicher, dass es nicht nur mir so geht. Was also würde geschehen, wenn ich all die Hiobsbotschaften wirklich an mich heranließe. Wohin sollte ich zuerst aufbrechen, um zu helfen? Nach Syrien? Auf die Philippinen? Nach Somalia? Oder soll ich mich besser um den Obdachlosen in der Innenstadt kümmern? Soll ich gegen Großkonzerne klagen?

Ich unterschreibe Petition um Petition. Ich versuche, bewusst einzukaufen. Gutes statt Billiges. Und habe schon wieder ein schlechtes Gewissen dabei. Weil ich es kann. Weil andere das nicht können. Ich sehe einen Bericht im Fernsehen über die Produktion von Billigleder. Über die Menschen, die barfuß im Gift treten. Über die grausamen Transporte von Tieren, aus deren Haut unsere Schuhe gemacht werden. Darüber, dass das Gift auch noch in den Schuhen meines Kindes steckt. Beim nächsten Schuhkauf achte ich auf die Herkunft des Leders, zahle den fünffachen Preis für ein paar Stiefel, die einen Winter getragen werden.

Die Sonne scheint, der Himmel ist strahlend blau, nur in mir ist es düster. Die Erde meiner Kindheit ist mir als ein großes staunenswertes und freigiebiges Wunder in Erinnerung. Genau deshalb achtete ich sie. Hätte ich schon als Kind gelernt, dass alles, was ich esse und trinke, atme und berühre, krankmachen kann, ich glaube, ich würde sie heute hassen. Wem gebe ich die Schuld? Denen da oben? Den Politikern? Den Wirtschaftsunternehmen? Dem Finanzsektor? Irgendwelchen Geheimbünden, die die Weltherrschaft an sich reißen wollen? Wer ist eigentlich der Bösewicht, derjenige, der einen Schießbefehl erteilt oder der, der ihn ausführt?

Manchmal denke ich, die Lösung liegt direkt vor meiner Nase, nur sehe ich sie nicht. Kann sie nicht aussprechen, nicht denken, weil ich dazu erzogen wurde, mich für alles und jedes verantwortlich zu fühlen. Oft, sehr oft, zweifle ich daran, dass Bildung und Aufklärung und Information uns auch nur einen Schritt weiter bringen. Wir Aufgeklärten, wir Alles-wissen-Könnenden, wir lernen doch nur innerhalb des Gefängnisses zu verweilen, uns behaglicher darin einzurichten. Manchmal denke ich, wir müssten nur eine winzige imaginäre Grenze überschreiten. Uns dumm stellen vielleicht. Dem Wirtschaftsboss, der unser Wasser privatisieren will, sagen: Du willst was? Bist du doof? Nö, nicht mit uns. Eine lange Nase zeigen und nananananaaana singen. Manchmal denke ich, der gute alte Jesus hatte recht, wir müssten werden wie die Kinder und die Spielverderber einfach auslachen.

Und vor allem wünsche ich mir manchmal, nein oft: Dass wir unsere Kinder nicht die Knappheit, sondern den Überfluss lehren. Damit sie wieder begreifen können, dass alles, was schön und gut und wichtig ist, einmal im Übermaß vorhanden war. Statt schon den Kindern beizubringen, dass Wasser knapp ist, dass die Sonne ihr Feind, Regen und Luft vergiftet und das Klima bedroht ist, möchte ich ihnen zeigen, was schön und kostenlos ist in dieser Welt, auf dieser Erde. Denn wer die Welt liebt, der tötet sie nicht. Nur wer Angst vor ihr hat, muss sich immer neue Schutzmechanismen ersinnen.

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