Lasst mir den Dativ in Ruh!

Der Zwiebelfisch hat’s verkündet und alle, alle folgen sie ihm: Kein Forum mehr, in dem man sich des Genitivs entledigen dürfte durch ein einfach Hingeschludertes: Von wem ist dieser Beitrag? Sofort schallt das geballte Entsetzen dem Sprachverderber entgegen: Wessen Beitrag ist dies? Aber ist „von wem“ und „wessen“ wirklich dasselbe und macht es einen besseren Eindruck, wegen des schlechten Wetters nicht zum Vorstellungstermin zu erscheinen oder wegen dem? Zumal, wenn man zwecks Absage eh nur eine SMS an den Chef schickt?

Der Dativ als Umgangssprachler …

„Hast du Fahrkarte?“, tönt es mir in der Straßenbahn entgegen. In einer Zeit, in der eine solche Äußerung als vollständige Satzfrage gilt, dürfte es keinen weiter stören, wenn darauf ein „wegen dem Kontrolleur“ folgt. Ich selbst ertappe mich mittlerweile schon dabei, dass ich meine Tochter anblaffe: „Putz die Zähne!“ Dabei ist sie erst acht, eine Prothese kommt da noch nicht ins Haus. Aber für „Putz dir die Zähne“ bin ich morgens manchmal einfach noch zu müde. Alles eine Frage der Feinsprachermüdung also – mit dem Dativ oder des Genitivs Verlust hat dies wenig zu tun. Oder wäre es ein Besserblaffen, bediente ich mich der ausgefeilten Phrase: „Entledige dich des Zahnbelags“? Wie auch immer, liebe Genitivgemeinde, was den Dativ als Mörder angeht, plädiere ich auf unschuldig. Nein, mehr, ich bin angetreten, die Rechte des Dativs einzufordern, dessen Schönheit und Würde mich schreckt.

 … wurde selbst seiner Würde beraubt

Als habe er nicht bereits genug gelitten in dieser schlecht gedeuteten Welt der Grammatiker! Keinem anderen Fall wurde im vergangenen Jahrhundert so viel Unrecht angetan wie dem guten alten Dativ. Erinnern wir uns nur, wie er von einem Tag auf den anderen seines e-s beraubt wurde. Plötzlich näherte man sich nicht mehr dem lauschigen Plätzchen unter einem Baume, sondern einfach nur noch unter einem Baum. Folgte nicht mehr dem unbekannten Wege, sondern ging planungssicher seinen Weg. Abgeschnitten, verstümmelt, zur Kurzform verbannt – so musste er sich stumm fügen in das Leid, das ihm angetan wurde. Dem deutschen Volke – wer widmet sich ihm nun? Wer schenkt ihm neue herrliche Bauten? Ich sehe schon vor mir, wie Heerscharen von Schülern in Zukunft vor Reichstag und Gerichtsgebäuden das Kichern beginnen, über eingemeißelte Rechtschreibfehler sinnieren – dem deutschen Volke – muss es nicht Volk heißen, Herr Lehrer? Oder gar: des deutschen Volkes?

Der Dativ ist Zuwendung pur

Der Dativ strahlt mindestens so viel Würde und grammatischen Sachverstand aus wie der Genitiv. Und der Dativ entledigt sich deiner nicht, er ist dir zugewandt: Ich höre nicht einfach nur zu, ich höre dir zu. Ich folge dir. Ich vertraue dir. Ich glaube dir. Kein noch so schön konstruierter Genitiv könnte dies leisten. Im Gegenteil: Der Genitiv verkommt gegenwärtig zum Fall der Abstraktion, der Distanzierung, des Ablaufens von Sachverhalten. Ich bin des Zuhörens leid!

Der ausgebettete Dativ

„Komm, wir zieh’n dem Papa seine Turnschuh’ an“ – klingt es fröhlich aus dem Kinderzimmer meiner Tochter. Kurzes Zusammenzucken meinerseits, aber nein, ist gut, kommt halt drauf an, wer die Turnschuhe anzieht. Wenn wir sie uns anziehen, ziehen wir Papas Turnschuhe an. Wenn wir sie Papa anziehen, dann ihm – und in einigen Regionen dieses wunderbar sprachverwirrten Landes ist es halt nicht einfach Papa, dem wir die Turnschuhe anziehen, sondern d e r Papa. Also dem – na ihr versteht schon.

Tatsächlich haben sich bereits die Sprachwissenschaftler des beginnenden 20. Jahrhunderts mit der volkssprachlichen Verwendung des Dativs befasst. Haben nachgewiesen, wie er aus Satzzusammenhängen ausgebettet wurde. Aus „Komm, wir ziehen dem Papa seine Turnschuhe an“ wurde dann „dem Papa seine Turnschuhe stehen vor der Tür“. Denn der Dativ ist der Liebling der Volkssprache. Vielleicht, weil er von alters her kommt, aus Zeiten, in denen das Wünschen noch geholfen hat. In denen man noch sagen durfte: Bring dem Papa seine Pantoffeln! Sein Bier. Seine Zigarren. Und sogar der Duden erlaubt es mittlerweile dem einfachen Volk(e) wieder, die Präposition „wegen“ mit Dativ zu gebrauchen. Nur die Bescheidwisser, des Genitivs Sklaven, blicken empört zu Boden, wo immer sie ein „wegen dem“ erklingen hören. Dabei geht es manchem gar nicht um das Verständnis der deutschen Sprache, um ihre Schönheit und Angemessenheit. Allein, man grenzt sich gerne ab und dünkt sich eines Besseren, auch wenn die Banalität der Verkündigung eher Schlechtes vermuten lässt.

Der Dativ als Revoluzzer

Dabei, so traurig, wie manch einer behauptet, ist es um den Genitiv in Wirklichkeit nicht bestellt. In Wirklichkeit ist natürlich alles noch viel trauriger. Denn es ist nicht das einfache Volk, das sich seiner entledigt. Es sind die Gebildeten, die neoplastizistischen Grammatiker und Computerlinguisten selbst, die ihm jede Lebensfreude nehmen. Ihn immer häufiger zum Objekt degradieren, das durch Nominalisierungstransformationen zustande kommt, ohne Sinn und Verstand, aber hübsch eingefügt in die Sprache der Moderne. Ein Lob dem Widerstand! Der Dativ ist seines e-s verlustig gegangen, aber er widersetzt sich einer solchen Verobjektivierung. Er bleibt ein Fall von dir und mir, von uns.

Wer den Dativ bekämpft, leistet letztendlich nur dem Akkusativ Vorschub. Und wird dazu beitragen, dass das Deutsche in Zukunft nur noch zwei Fälle kennt: ich und den anderen. Sonst nix. Keine Perspektive, kein ausgefeiltes Verhältnis von dir zugetan oder dessen ungeachtet. Möglicherweise wird der Dativ dann nur noch mit des Deutschen gegenwärtiger Lieblingspräposition auftauchen: mit „bei“.

PS: Gestern kam ich an einer sehr alten Pforte vorbei. Daran war ein noch älteres Türschild angebracht mit dem Aufdruck: Bitte die Türe schließen! Der Dativ* ist dem Akkusativ seine Erhöhung. Vergnügt und dankbar zog ich meines Weges. Liebes Türschild: You just made my day!

(In diesem Fall ein geschummelter Dativ, aber das macht ja nichts, das merkt ja keiner … oder?)

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