Groß- und Kleinschreibung

Wie lassen sich grammatische Regeln für Nichtgrammatiker zusammenfassen? Diese Frage beschäftigt mich immer mal wieder. Dieses Mal musste das Thema Groß- oder Kleinschreibung dran glauben. In diesem Beitrag erfahrt ihr

-          welche Wortarten großgeschrieben werden

-          woran man sie erkennt

-          wie man „sie“ und „Sie“ unterscheiden kann

-          und wann man nach dem Doppelpunkt mit Großschreibung beginnt.

I.  Hauptwörter schreibt man groß

Welche Wörter schreibt man groß? Woran erkennt man sie? Die einfachste Regel lautet:

Wörter, die ein natürliches oder grammatisches Geschlecht haben, werden großgeschrieben.

Dabei unterscheiden wir zwei Gruppen von Hauptwörtern:

Substantive, die Lebewesen oder Dinge bezeichnen:

  • Peter, der Junge, das Tier, die Katze, der Erbsenzähler;
  • der Schlüssel, das Haus, die Geige, die Erbse.

In der Grundschule lernen wir, dass man alles großschreibt, was man hören, sehen oder anfassen kann. Damit sind natürlich nur diese konkreten Substantive erfasst. Und schon bald müssen wir erfahren, dass unser Deutschlehrer gelogen hat – denn es gibt da noch eine ganze Reihe anderer Wörter, die großgeschrieben werden, die aber gar keine Lebewesen oder Dinge sind. Diese haben keine eigene Substanz; sie werden von uns verdinglicht. Und zwar durch einen grammatischen Trick. Wir behandeln sie so, als ob sie Substantive wären. Diese Trickwörter bezeichne ich hier als Nomen.*

Nomen

entstehen, wenn man andere Wortarten in Substantive verwandelt. Wie von Zauberhand erhalten sie dadurch Substanz (werden zu Stoffen oder Wesen). Zum Beispiel:

  • Adjektive: gut – das Gute, schön – das Schöne, lieb – die Liebe, frei – die Freiheit, grün – das Grün;
  • Verben: essen – das Essen, verstehen – der Verstand, geben – die Gabe;
  • Präpositionen: im Aus landen, das Für und Wider diskutieren;
  • andere Wortarten und Ausdrücke: das Gestern, das Warum, das A und O.

So hat jedes Hauptwort im Deutschen ein natürliches oder ein grammatisches Geschlecht. Dieses zeigt sich aber nur selten am Wort selbst, wir erkennen es am Begleiter des Hauptwortes. Denn das Hauptwort hält sich selbst für so wichtig, dass es häufig mit einem Gefolge daherkommt.

Begleiter sind

  • bestimmter oder unbestimmter Artikel (der, die, das, ein, eine); dieser kann auch mit einer Präposition verbunden sein: zum Weinen (zu – dem), am Morgen (an dem), zur Schule (zu der);
  • Wörter, die den Besitz oder die Zugehörigkeit anzeigen: meine Tasche, dein Stift, ihre Jacke, seine Tante;
  • Wörter, die eine Menge anzeigen, die nicht in Ziffern angegeben wird: etwas Gutes, alles Gute, nichts Schönes, viel Besonderes, einiges Interessantes;
  • Zeitangaben: heute Morgen, gestern Abend.

Wörter, die einen Begleiter haben, werden großgeschrieben.

Das Gemeine ist nur: Nicht immer steht der Begleiter direkt vor dem Substantiv oder Nomen. Beispiel: meine herrliche, immer wieder gern benutzte, jetzt aber unauffindbare Tasche

Es reicht also nicht aus, einen Begleiter ausfindig zu machen, man muss auch das Wort finden, auf das er sich bezieht. Ist kein Begleiter vorhanden, müssen andere Signale beachtet werden: die Wortform oder die Stellung im Satz.

Die Begleiter selbst werden kleingeschrieben. Ausnahme: Wenn die Begleiter eine andere Bedeutung annehmen, können sie großgeschrieben werden: das undefinierbare Etwas, das ganz Andere. Dann sind sie aber auch keine Begleiter mehr …

Woran erkenne ich Nomen?

Die Schwierigkeit beim Schreiben aber ist: Oft fällt dem Schreibenden gar nicht auf, dass ein Wort nominalisiert ist. (So nennt man es, wenn aus einem Wort ein Nomen wird). Da hilft tatsächlich nur die Übung. Außerdem gibt es eine ganze Reihe von Signalen, auf die man achten kann:

Adjektive als Hauptwörter erkennen

Wenn Adjektive benennen, wie etwas ist, werden sie kleingeschrieben:

Der Honig schmeckt süß. Der süße Honig geht mir nicht mehr aus dem Sinn. (Wie schmeckt/ist der Honig?)

Wenn uns kleinen Bären von geringem Verstand der süße Geschmack des Honigs aber nicht mehr aus dem Sinn geht, wird er zu einem eigenen Wesen:

Ich sehne mich nach der Süße des Honigs. Die Süße des Honigs geht mir nicht mehr aus dem Sinn. (Wonach sehne ich mich? Was geht mir nicht aus dem Sinn?)

Mit der Form ändert sich also auch das Fragewort.

Adjektive als Begleiter werden kleingeschrieben. Adjektive als Gegenstand der Aussage werden großgeschrieben.

Sprechen wir über den Kuchen, der süß ist, oder über die Süße des Kuchens?

 

Verben als Hauptwörter erkennen

Durch Verben kommt Handlung in den Satz: wir gehen, laufen, singen, erleiden, essen, sind, haben, dürfen etwas usw. Beschreiben die Verben diese Handlung, sind sie Teil der Satzaussage (des Prädikats), stehen auf einer bestimmten Position im Satz und werden kleingeschrieben. (Ausgenommen natürlich Fragen, die mit einem Verb beginnen: Gehst du ins Theater?).

Im Hauptsatz:

Ich / gehe / ins Theater. (Position 2)

Ich / darf / ins Theater / gehen. (Position 2 und Satzende)

Ich / werde / ins Theater / gehen dürfen. (Position 2 und Satzende)

Im Nebensatz:

…, weil ich ins Theater gehe. (Satzende)

…, weil ich ins Theater gehen darf. (Satzende)

…, weil ich ins Theater habe gehen dürfen. (Satzende)

In all diesen Fällen beschreibt das Prädikat, was geschieht und nimmt eine feste Position im Satz ein.

Doch kann jedes Verb zum Nomen werden. Ich setze einfach ein „das“ davor:

das Gehen, das Sehen, das Erkennen, das Wollen, das Sein, das Erleiden …

Das Verb beschreibt dann nicht mehr, was geschieht, sondern das, was es benennt, wird selbst zum Geschehen. Und es rückt auf eine andere Position im Satz; es kann dann überall erscheinen, nur nicht auf den für das Prädikat reservierten Plätzen.

Das Gehen / war / anstrengend.

Anstrengend / war / das Gehen.

…, weil / das Gehen / anstrengend war.

War / das Gehen/anstrengend?

 

Wird das Verb zum Hauptwort, ist es entweder Satzgegenstand oder eine Ergänzung. Wir können fragen:

Wer oder was war anstrengend? Das Gehen!

Wen oder was hasst du? Das Gehen!

Wem gibst du die Schuld? Dem Gehen!

Wessen Schuld ist das? Des Gehens!

Wonach war dir übel? Nach dem Gehen!

Verben als Teil des Prädikats werden kleingeschrieben. Verben als Subjekt oder als Ergänzung werden großgeschrieben.

Satzanfang und Anredeform

Bisher war von Hauptwörtern die Rede. Doch gibt es im Deutschen noch zwei Regeln zur Groß- und Kleinschreibung, die damit aber auch gar nichts zu tun haben: die Großschreibung am Satzanfang und die höfliche Ansprache.

Sie oder sie?

Die Anredeform „Sie“ wird in allen Formen (Ihre/Ihnen) großgeschrieben. Vielen Menschen fällt es schwer, das kleine und das große „sie/Sie“ zu unterscheiden. Hier gilt:

Das kleine „sie“ erscheint, wenn über jemanden oder eine Sache gesprochen wird.

Ich habe sie schon lange nicht mehr gesehen. Ich habe ihnen den Weg gezeigt. Ich kenne ihre Tochter.

In diesem Beispiel wird ü b e r eine oder mehrere Person(en) gesprochen.

 

Wird dagegen jemand direkt angesprochen, schreibt man „Sie“ groß:

Ich habe Sie schon lange nicht mehr gesehen. Wie geht es Ihnen denn? Was macht Ihre Tochter?

Daraus leitet sich ab: Das große Sie/Ihnen/Ihre kann nur in Dialogen oder in irgendeiner Form des Schriftverkehrs erscheinen. Man kann sich auch fragen: Könnte ich an dieser Stelle „du“ sagen? Dann wird „Sie“ großgeschrieben.

Ob man du in all seinen Formen (dir, deine, euch eure) groß- oder kleinschreibt, ist jedem freigestellt.

Satzanfang und Doppelpunkt

Die einfachste Regel: Am Satzanfang wird großgeschrieben. Klar.

Aber wie ist es nach dem Doppelpunkt? Hier gibt es zwei Möglichkeiten:

Nach dem Doppelpunkt erscheint ein eigenständiger, vollständiger Satz, dann beginnt man mit Großschreibung:

Hier erfahren Sie, wie man nach dem Doppelpunkt schreibt: Nach dem Doppelpunkt schreibt man das erste Wort eines vollständigen Satzes groß.

Nach dem Doppelpunkt erscheint ein unvollständiger Satz, der vom vorangehenden Satz abhängig ist:

Er erfuhr: korrekte Kleinschreibung nach Doppelpunkt.

Er sah: nichts.

Substantive und Nomen werden natürlich auch nach dem Doppelpunkt großgeschrieben.

 

Üben, üben, üben …

 

Es hilft alles nichts – oder alles Nichts hilft nicht viel … ohne Übung lassen sich Regeln nur schwer verhirnen und einverleiben. Wer seine Rechtschreibfähigkeiten verbessern möchte,  kann

- lesen, lesen, lesen – dabei bewusst auf Groß- und Kleinschreibung achten und versuchen, die Regeln zu benennen.

- Diktate schreiben. Die gibt es als Übungspakete (mit CD und Heft) in Schulbuchverlagen oder in Verlagen für Deutsch als Fremdsprache. Wichtig: Fehler nicht nur markieren oder betrachten, sondern genau überlegen: Warum habe ich das falsch gemacht? Welche Regel habe ich noch nicht verstanden? Wie kann ich mir die richtige Schreibweise einprägen?

Auch im Web lässt sich mittlerweile viel Übungsmaterial finden. Eigene Texte könnt ihr auf den Webseiten von Duden online kostenlos prüfen lassen.

 

Da dieses Blog werbefrei ist, nenne ich hier weder Verlage noch Seiten – einfach mal kurz die Suchmaschine ankurbeln oder in einer Buchhandlung eures Vertrauens nachfragen, dann werdet ihr sicher fündig.

Wie immer gilt: bei Fragen einfach fragen.

Viel Erfolg!

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  • Für Sprachwissenschaftler: Ich weiß, dass eine Einteilung in Substantive und Nomen, wie ich sie hier vornehme, umstritten ist, halte sie aber an dieser Stelle für sinnvoll.

 

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