Das falsche Signal. Gedankensplitter zu einer abgedroschenen Phrase

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Nachrichtensendung, Talkshow, Dokumentation: Wo immer öffentlich und publikumswirksam debattiert wird, da ertönt es: das falsche Signal. Nicht als Störsignal in der Übertragung der Sendung. Sondern im Sendungsbewusstsein. Die Steuerpläne der Bundesregierung, Rabattschlachten im Marketing, Gerichtsurteile, Betreuungsgeld, Studiengebühren oder diplomatische Zurückhaltung – alles falsche Signale. Ganz besonders beliebt im Moment: die Rentenreform. Das falscheste aller Signale.

Beispiele seht ihr hier:  Das falsche Signal.

Nicht die Botschaft ist falsch, sondern das Signal

Eingebracht wird der Vorwurf in der Regel dann, wenn Argumente nicht fruchten. Wenn inhaltlich alles gesagt ist. Das Teuflische daran: Der Vorwurf trifft den Gegner in seiner Absicht, nicht in seinem Tun. Ihm wird unterstellt, dass er aus einem bestimmten Zweck heraus handelt, der nicht explizit genannt werden muss. Oder aber, dass seine Handlung eine Wirkung haben wird, die er nicht beabsichtigen kann, weil er sie nicht beabsichtigen darf. So viel Konvention muss sein. Die Botschaft stimmt, aber das Signal ist falsch. Dagegen lässt sich nur schlecht argumentieren.

(Quelle: ZDF Mediathek)

Was ist eigentlich ein falsches Signal?

Stellt sich die Frage: Kann ein Signal falsch sein? Ein Signal ist Botschaft und Überbringer dieser Botschaft zugleich. Licht oder Schall sind Botenstoffe für Signale. Anders als der symbolische Gehalt einer Nachricht wird das Signal also nicht nebenbei übertragen, es ist mit der Aussage verschmolzen. Wir erkennen die Botschaft, die es uns übermittelt, weil wird die Signale zu deuten gelernt haben. Es kann also sein, dass ein Signal zur falschen Zeit erfolgt. Dann ist die Ampel grün, obwohl die Autos noch fahren. Es kann auch sein, dass eine Botschaft gar nicht ankommt. Dann ist das Signal oder der Empfang gestört, nicht aber das Signal falsch.

Kritiker im Expertenmodus

 „Das Medium ist die Botschaft“, lehrte uns Marshall McLuhan. Trotzdem sind wir es nach wie vor gewohnt, Inhalt und Form voneinander zu trennen. Wird eine Diskussion im Fernsehen übertragen, ist nicht die Sprache, sondern das Bild Medium. Neil Postman hat bereits in den 1980er Jahren beschrieben, wie dies die Inhalte verändert. Denn in Talkshows beispielsweise geht es nicht darum, sich intensiv und argumentativ mit den Ideen und Vorhaben des anderen zu befassen. Im Zentrum steht der Schlagabtausch und der Versuch, sich selbst möglichst gut in Szene zu setzen. Das Bild ist das sprachliche Zeichen des Fernsehens. Dieses In-Szene-Setzen erfolgt dennoch auch über die Sprache. Wer Sätze sagt, wie: „Mit Ihrer Reform senden Sie das falsche Signal“, schaltet den Expertenmodus ein. Er signalisiert, dass er sich mit der Materie auseinandergesetzt hat und beurteilen kann, wie sich das Ergebnis einer Handlung bei den davon Betroffenen auswirken wird. Er beweist analytischen Verstand, die Fähigkeit zur Metapher, zeitgemäßes Denken. Er negiert die Pläne des anderen, ohne sagen zu müssen, was daran eigentlich falsch sei. Der Angesprochene gerät in eine Pattsituation. Argumentiert er inhaltlich, bringt das keinen Gewinn, da es ja nicht um die Botschaft, sondern um das Signal geht. Fragt er nach, von welchem Signal denn eigentlich die Rede sei, erweist er sich als Laie, als Unkundiger, verstärkt er den Expertenstatus des Gesprächspartners. Was ihm bleibt, ist, stillschweigend darüber hinwegzugehen. Oder seinerseits zu behaupten, dass er das richtige Signal setze, dass es überhaupt an der Zeit sei, neue Signale zu setzen.

Konditionierte Empfänger falscher Signale

Ist die Rede von falschen Signalen, wird regelmäßig unterstellt, dass von einer Handlung eine symbolische Wirkung ausgeht, die sich berechnen lässt. Was bedeutet, dass der Sprecher glaubt, einschätzen zu können, wie die Signalempfänger die Botschaft auffassen. Die Signalempfänger – also die gemeinen Zuschauer – erscheinen wie konditionierte pawlowsche Hunde, wie Mensch gewordene Maschinen, die Signale verarbeiten, ohne sie auf eine subjektive Weise zu interpretieren. Sie beweisen „Schwarmintelligenz“, indem sie die Botschaft alle auf dieselbe Weise wahrnehmen und in gleicher Weise darauf reagieren. Die Redewendung vom „falschen Signal“ erzeugt eine homogene Masse, die es zunächst einmal nur im Denken des Sprechers, nicht aber zwangsläufig in unser aller Wirklichkeit gibt. Lauter Alte zum Beispiel, die sich wegen der Rentenreform nun zu früh auf die faule Haut legen. So viele Bildungsferne, die nur darauf warten, endlich die Herdprämie abzocken zu können. Ein solches Konstrukt aber ist das Ergebnis einer bestimmten Deutung von Wirklichkeit des Sprechers. Den Nachweis der realen Existenz einer solchen unkritischen Masse bleibt er zumeist schuldig.

Und so verdanken wir die inflationäre Verwendung der Phrase „falsches Signal“ vermutlich nicht nur der Copy&Paste-Mentalität von Experten und Nachplapperern. Wir verdanken sie auch der Tatsache, dass wir in einer Welt leben, die gänzlich an Anschaulichkeit verloren hat und allein auf Deutung beruht. Nicht um Handlungen wird in Talkshows und politischen Debatten gerungen, sondern um Deutungshoheiten.

Über 3 Millionen Einträge zum Suchwort „falsches Signal“ listet mir die Suchmaschine. Ein Großteil davon sind Zeitungsartikel. Von der „ZEIT“ bis zum unbekannten Blatt bedient sich der Qualitätsjournalist ebenso dieser abgedroschenen Phrase wie der Hobbyschreiber. Ich hör‘ die Botschaft wohl, allein, es fehlt der Wille, weiter an sie zu glauben. Auch ich bin das Volk und ich pfeif auf die Signale.

 

 

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