Begeisterndes Babel – Poetry bei Shakespeares am 08.06.2013 in Bremen

Die deutsche Sprache kann Gefühle und Gesten benennen und definieren. Sie ist ein hervorragendes analytisches Werkzeug. Doch selten nimmt sie das, was sie benennt, in sich auf, findet sie Klang und Rhythmus, in dem andere Sprachen sich wiegen und bewegen. Statt sich in ihren Lauten zu offenbaren, zieht sie sich distanziert zurück. Vielleicht ist dies der Grund, weshalb sie sich immerfort nach etwas sehnt. So gesehen ist es verständlich, dass die einzige deutsche Lyrikerin an diesem Abend ihre Gedichte auf Englisch vorträgt. Gedichte, die sie auf Deutsch verfasst hat, die sich aber ihrer Aussage nach nur singen lassen, wenn man sie ins Englische übersetzt.

Steinerweichendes Talent

Elke Schmitter (*1961 in Krefeld) trägt ihre Poesie am Klavier vor und beschließt damit einen ereignisreichen Abend. Schmitter erinnert mich ein wenig an Joni Mitchell, ist stimmlich aber eher in den warmen, verweilenden Alttönen zu Hause. Schmitters Biografie zeugt von ihrer Vielseitigkeit – sie ist Journalistin und Prosa-Autorin, Lyrikerin, Übersetzerin und eben auch Musikerin. Eine Frau, die bereits zurückblicken kann, auf das, was sie geleistet hat, die in sich ruht und bei deren Anblick man doch ahnt, was sie noch alles zu geben hat. Ihre lyrischen Lieder erzählen einfach und klar von genossener und verflossener, von erträumter und verhärteter Liebe und am Ende verspotten sie die, die ihnen ihre Stimme leiht: Wüsste der ehemalige Geliebte, wie viel Nacht noch in ihren Tagen ist, er gäbe keinen Penny auf ihre Zukunft. Wie sie selbst.

Elke Schmitter am Klavier

Eröffnet worden war die Lesung mit einer kurzen Huldigung an den Geist Shakespeares durch den indonesischen Lyriker Saut Situmorang (*1966 in Tebbing Tinggi), der Shakespeares Sonett 76 vortrug: Warum nur fehle seinem Vers „moderner Schick“, fragt darin der Dichter und antwortet selbst:

Weil: liebster Freund, ich schreib allein von Dir;
Liebe und Du sind stets mein Gegenstand,
den alten Wörtern leih ich neue Zier,
verwende neu, was schon so oft verwandt.“

Die passende Antwort für einen Abend, an dem sich Dichtkunst von ihrer besten Seite zeigt: als Hinwendung zum Du, als Kunst der präzisen Beobachtung; einer mitfühlenden, in Dinge und Lebewesen hineinhorchenden und -blickenden Beobachtung. Das wunderbare Talent, von dem jede/r der Beteiligten so viel aufgesogen und eingeübt hat, äußert sich in erhabenen Versen oder im spöttelnden Ausbruch aus der Form; immer erweist es sich als verbindlich, als Verpflichtung gegenüber dem Du und der Sprache, die es ausdrücken und erreichen soll.

Sprache ist Klang

Vorgestellt und begrüßt werden die Gäste durch Michael Augustin (*1953 in Lübeck), dem in Bremen lebenden Dichter, Radiomoderator und Mitveranstalter des Literaturfestivals. Augustin findet für jeden die richtigen Worte, hilft der Zuhörerschaft, sich jeder Sprache und jeder Darbietung neu zu öffnen. Und so lausche ich einen Abend lang den fremden Klängen, den vielzähligen Sprachen, in denen gesprochen, geflüstert, gerufen und rezitiert wird, als wären wir schon gute Bekannte, von alters her, als es noch keine Nationalsprachen gab, nur Klänge, die sich von Dorf zu Dorf veränderten.

Und ja, auch wenn der Dichter natürlich in seiner Sprache erhört werden will, man muss Tomas Venclova (*1937 in Klaipeda) nicht verstehen, man muss ihm nur lauschen, um hautnah zu erfahren, was Dichtung ist. „Weiter hinten liegen Wiesen, tief schwarz“, die Luft sehnt sich nach jeder Stimme und immer „lächelt das Wetter jenen, die siegen.“ Venclova rezitiert frei, vom Rhythmus getragen; in seinen Gedichten ist nichts dem Zufall überlassen, jede Silbe am richtigen Platz. Die deutsche Übersetzung zieht an meinem Ohr vorbei. Ich spüre, sie ist dem Gedanken verhaftet, nicht dem Wort, der Erfahrung, die Klang ist.

(Anmerkung, 22.08.2013: Womit ich auf gar keinen Fall irgendein Urteil über die Qualität der Übersetzung abgeben möchte! Das stünde mir weder zu noch ist dies hier gemeint … Schließlich waren auch die Übersetzer/-innen an diesem Abend anwesend und haben viel zum Gelingen der Lesung beigetragen!)

Dem Augenblick dienen

Ist das kleine Stückchen Blau, das wir sehen, der Himmel oder ist es ein Einbahnstraßenschild? Hängt nicht alles davon ab, wie wir die Wirklichkeit interpretieren und was wir ihr gestatten? Der jüngste Dichter des Abends, Bohdan Piasecki (*1980 in Warschau), wird als Poetry-Performer angekündigt und tatsächlich scheint er mit seinen 33 Jahren auf der Bühne heimisch. „If you don’t understand, don’t worry“, lässt er die Zuhörer wissen, „it’s a good poem“. Und – sich selbst auf die Schippe nehmend – zum Glück ein kurzes. Piasecki erheitert sein Publikum, fängt es ein, nimmt es mit, um dann, in einem Moment, da niemand vorbereitet und gewappnet ist, sein Memento vorzutragen: „Serve this moment.“ Da ist dieser andere Bohdan Piasecki, ein 16-jähriger Schüler, der 1957 entführt und ermordet wurde. Der Dichter beschwört den Augenblick, den imaginierten Eingriff in das Geschehen. Können wir das Messer, den Schrecken, in diesem Moment nicht einfach vergessen? Einmal zulassen, dass jetzt etwas anderes geschieht? In „Of Kings and Wasps and Flour“ vermischen sich Mehl und Blut zu einer Beklemmung, auf die weder Ohnmacht noch Allmacht folgt, sondern einzig der unausgesprochene, aber klar verständliche Aufruf: Eigentlich könnte es anders sein. Wenn wir es zulassen. Jetzt.

Intim, sinnlich, konkret – niemals voyeuristisch

Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar(I. Bachmann), selbst wenn sie seine Kräfte übersteigt. Auch Antjie Krog (*1952 in Kroonstad) demonstriert uns an diesem Abend, was Dichtung vermag, die schmerzt und heilt und doch nicht helfen kann, dass wir gesunden. Mit „Körper, beraubt“ hat sie ein Gedicht geschaffen, in dem die längst verlorene Magie der Worte mit einer brutal-sachlichen Diagnostik ringt. Das lyrische Ich kämpft gegen das Ergebnis einer Mammografie, dem es ein sanftes Beschwatzen seiner Brüste entgegensetzt. Doch alles Besprechen bleibt fruchtlos, nicht Honig noch Lichtschaum, nicht „Tonart des Atems“ vermögen die Polypen zu hindern; es blutet „Rost aus den Brustwarzen“, „wie Biestmilch“.

Antjie Krog trägt ihre Gedichte in einem kraftvollen Afrikaans vor – stößt die harten Konsonanten in den Saal, wiegt sich in weiche Vokale hinein, schmettert und flüstert, weint und tröstet, ihr Land, sch-sch, das nicht aufgeben darf, das einmal gerettet sein soll. Ihr Land, ihr Kind, ihr Körper – die Dichter dieses Abends erweisen sich dem Sein, dem Konkreten, dem Sinnenhaften verbunden, zeigen sich in all ihrer Verschiedenheit dem Willen zur verbindlichen Form verpflichtet. Das Intimste wird ohne jeglichen Voyeurismus, ohne peinliche Ausplauderei und obszöne Selbstdarstellung zur Metapher für das Allgemeine, Verbindende, das, was uns alle verstört oder betört.

Barfüßiger Gitarrist Behnisch sorgte für den musikalischen Rahmen

Von Schiefer und Tölpeln, von ihrem wunderbaren Land erzählt auch die irische Dichterin Mary O’Malley (*1954 in Connemara). Und auch sie vermag der Wirklichkeit wieder zu einem konkreten Dasein zu verhelfen, verdeutlicht, dass Sinn niemals in der Abstraktion zu finden ist. Gott hat uns zurückgelassen – und wir, statt sein Geschenk anzunehmen und uns im Leben zurechtzufinden, messen die „Lumineszenz von Bildschirmen“. Es sind diese kurzen sprachlichen Gegenüberstellungen, in denen die kleine Wahrheit zum großen Sinnbild für unser absurdes Tun wird, in denen die ungeheure Wichtigkeit der Lumineszenz für ein erhellendes Auflachen sorgt.

Intelligente Hingabe und zerbrechliche Harmonien

Aus einer ganz anderen Perspektive gelangt Jeffrey Yang (*1974 in Kalifornien) zu seinen überraschenden Aussagen. Yang beleuchtet eine Unterwasserwelt, befasst sich mit deren Details, um dann ganz beiläufig zu verblüffenden Schlussfolgerungen zu gelangen. In seinem Aquarium ist alles miteinander verbunden, Seetang und Philosophen, Vergangenheit und Gegenwart, auch das Unbekannte, das in jenem Moment, da es entdeckt wird, zu existieren aufhört. Seine Dichtung versöhnt entkörperte Intelligenz mit sinnlicher Leidenschaft, verhilft dem suchenden Verstand auf unspektakuläre Art zur Hingabe.

Dichtung ist Klang, nicht Geräusch des Zufalls, sondern verbindlicher Klang, der sich zu wahren Sätzen formt. Die niederländische Dichterin und Komponisten Rozalie Hirs (*1965 in Gouda) bettet ihre Worte in Elektroakustik ein. Sicher bewegt sie sich in mehreren Sprachen, beschwört ihre Ahnen in Niederländisch, Englisch und Deutsch und schafft eine Wortmusik, die mal harmonisch vitalisierend, mal in Misstönen zerberstend Klänge immer wieder neu präsentiert und vervielfacht.

Fragmentierung des Augenblicks                   

Die Wiederentdeckung der Form, die eindeutige Hinwendung zu einer Dichtung, die sich schon lange nicht mehr mit dem Brechen von Satzfragmenten zufriedengibt, ist für mich das Verbindende an all diesen eigensinnigen Charakteren, deren vorgetragene Werke den Abend zu einem beeindruckenden Erlebnis werden lassen. „Sind wir denn Feinde des Hexameters?“, fragt der russische Dichter Oleg Jurjew (*1959 in Leningrad) in seinem „Tod des Vergil“. Wie die Formen der Sprache dringen auch die Nachrichten verspätet zu uns, benötigt das, was wirklich wichtig ist, unendlich viel Zeit, um uns zu erreichen. Fünf Jahre hat sich ein Gedicht in ihm gedreht, bevor es endlich wirklich ein Gedicht wurde, erzählt Jurjew. Kaum vorstellbar in einer Welt, in der täglich Abermillionen Nachrichten über den Kontinent rauschen. Und doch ist es das Reifen, das langsame Wachsen, das Ringen um den einen wahren Ausdruck, der Dichtung vom sprachlichen Einerlei unterscheidet.

Legt man ein Puzzle zusammen, so lässt Piasecki uns wissen, dann entsteht ein mangelhaftes Gebilde. Jedes einzelne Teil will betrachtet und gerahmt werden. Die Lesung in der Bremer Shakespeare-Company entspricht dem. Ihre Akteure legen ein großes Puzzle aus, dessen Bild erst dann zur Geltung kommt, wenn jeder und jede Einzelne ausgiebig gewürdigt wurde. Dankbar und ein wenig erschöpft verlasse ich die Lesung. Ich habe rund drei Stunden in einem warmen, stickigen, bis auf den letzten Platz besetzten Theatersaal verbracht. Es war jede Sekunde wert.

 

ÜBER DAS FESTIVAL

Das internationale Literaturfestival Poetry on the Road wird seit zwölf Jahren von der Hochschule Bremen und Radio Bremen ausgerichtet. An verschiedenen Orten in der Stadt lesen und performen weltberühmte und neu entdeckte Dichter. Das Festival gilt als eine der wichtigsten deutschen Literaturveranstaltungen mit internationaler Ausrichtung und wird zumeist im Mai durchgeführt, 2013 fand es Anfang Juni statt. Informationen zum Programm und zu den Autoren finden sich hier.

 

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