Auf der NipponCon in Bremen. 2015. Ich.

 

„Ja, Kinder sozialisieren einen“, sagte mir einst breit grinsend eine Bekannte, der ich von meinem ersten Kindergeburtstag erzählte, an dem ich als Mutter teilgenommen hatte. Brav auf dem Stuhl sitzend, in einem gutbürgerlichen Viertel, Kuchen schaufelnd, plaudernd über dies und das. Sie kannte mich noch aus anderen Zeiten. Ich habe oft an diesen Satz gedacht, wenn ich mal wieder irgendwohin musste, wohin mich in meinem früheren Leben als Nicht-Mutter keine 1000 Pferde gebracht hätten. Plötzlich besucht man Zoos und Erlebnisparks, findet sich auf Spielplätzen und in Kindergruppen wieder, gähnt heimlich und verstohlen auf Elternabenden, schaut Disneyfilme und kauft auch noch Sammelkarten. Als kleine Überraschung.

Kinder sozialisieren einen – dieser Satz kam mir auch am vergangenen Wochenende in den Sinn, als ich tapfer mein Versprechen einhielt, mit der langsam der Kindheit entweichenden Tochter zur NipponCon 2015  in Bremen-Vegesack zu fahren, eine Convention für Liebhaber von Mangas und Cosplays, bunt gekleideter kindlicher Figürchen mit großen Augen, bunten Haaren und merkwürdigen Kostümen. Eigentlich grauste mir davor. Ich mag keine Comics oder anders gesagt: Ich bin absolut unfähig, Comics zu verstehen. Ich lese nämlich nur die Wortfetzen in den Sprechblasen, die Bilder übersehe ich, deshalb verstehe ich nie, worum es eigentlich geht. Ich fand Bilderbücher schon als Kind doof, ich wollte Klänge, die mein Ohr berühren. Meiner Tochter aber geht es genau umgekehrt. Sie ist ein Augenmensch, eine, die Wörter nicht ganz so wichtig findet, sich dafür aber Details dessen, was sie gesehen hat, sofort einprägen kann. Eine, die unermüdlich zeichnet. Im Moment am liebsten Mangas.

 

„Kinder haben das Recht, anders zu sein als ihre Eltern“, das ist die wichtigste Lehre, die mir aus einer Publikation und aus Gesprächen mit dem leider schon verstorbenen Bremer Pädagogikprofessor Johannes Beck in Erinnerung geblieben ist.  Mein persönliches Erziehungsmantra, das immer dann zum Einsatz kommt, wenn ich mal wieder darüber seufze, wie i c h als Mutter sozialisiert werde.

Also auf zur NipponCon. An der Kasse erhält heute nicht Töchterchen die Ermäßigung, sondern ich. Ich halte eine „Eltern- und Seniorenkarte“ in Händen. Die junge Frau, die sie mir soeben überreichte, könnte auch meine Tochter sein. „Nicht böse sein“, sagt sie, „da steht Senioren drauf.“ Ich muss lachen. Verspreche ihr, mich wegen der Rentenansprüche dann noch mal an sie zu wenden. Aber Himmel, so humorlos bin ich nun auch nicht.       

Dann geht es an den ersten Ständen vorbei in die Halle. Ich sehe mich vorsichtig um und he, alle schauen freundlich zurück. Keine sturen Blicke, so wie ich es erwartet hatte (was will denn die Alte hier). Keine Pädophilen, die nur darauf warten, die süßen „Maids“ abzugreifen. Lauter freundliche junge Leute, aufgeregt, fröhlich, verrückt, natürlich. Ich fange an, mich wohlzufühlen. Die Stimmung ist friedlich, es gibt einiges zu sehen und zu kaufen. Schweren Herzens erlaube ich meiner bis dahin nur mit Perücke und Schuluniform verkleideten Tochter, sich Kätzchenohren und Schweif zuzulegen. Und auch noch ein Matrosenkleid. Kinder haben das Recht …

 

Auch wenn ich es nicht verstehe. Kinder und Eltern haben die Pflicht das Vergnügen, voneinander zu lernen. Ich bin so froh, dass meine Tochter mich jeden Tag neu sehen und verstehen oder nicht-verstehen lehrt. Und ich danke allen Teilnehmern der Convention, mit denen ich kurz oder lang plaudern durfte, dass sie mir geholfen haben, meine Vorurteile zu überwinden. Ich bin jetzt schon sehr gespannt, über welches Bremer Ereignis ich im kommenden Jahr berichten darf. :D

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